Ecole d'Humanite

LUCAS ITEN GEIER


Text (based on Interview Juni 2012) LENA SCHÖNEWALD 


Leute, die mich gut kennen, behaupten, dass ich beim Führen ganz anders sei als sonst. Dass ich den kleinen Bub in mir plötz- lich ablege und ja doch ganz seriös sein könne. Wahrscheinlich ist dies die Voraussetzung, um als Bergführer Menschen sicher in die Berge – und wieder zurück bringen zu können.

     Werner Munter (Bergführer und Lawinenexperte) sagt, dass das Leben zu kurz sei, umherauszufinden, wo die Limite am Berg wirklich liegt. Ich sehe das auch ein bisschen so, denn wer dazu lernen will, kann sich nicht immer im grünen Bereich aufhalten. Es braucht etwas Risikofreude, wenn du wirklich gut werden willst. Als ich noch jung war, war ich mir der Tragweite des Risikos, das ich einging, oft nicht bewusst. Wir hielten uns doch in gewissem Masse für unsterblich: Die Gewissheit, dass es entweder gut geht oder du dann eben stirbst, war schon irgendwie da, aber wir dachten halt, dass es doch stets die Anderen erwischt.

          Nun als Führer ist die Verantwortung natürlich eine ganz an- dere – es geht nicht mehr nur um mich, sondern um die Gäste oder hier an der Ecole um eine Gruppe Jugendliche, die mir anvertraut sind. Dies ist wohl der Unterschied, den meine Freunde spüren, wenn sie mich als «plötzlich so seriös» beschreiben.

            Aufgewachsen bin ich in Unterägeri im Kanton Zug und meine Familie war weder besonders sportlich noch naturbegeistert. Einzig einer meiner 3 Geschwister hat in der Freizeit etwas Fussball gespielt. Ich jedoch ging gerne in die Pfadi und als wir mit den «Wölfli» einmal eine Seilbrücke bauen wollten, bastelte ich zu Hause auf dem Küchentabourettli so lange mit Schnüren herum, dass ich am folgenden Samstag als Einziger wusste, wie eine Seilbrücke gebaut werden musste. Sogar die Leiter sahen da alt aus in meinem Schatten... Dies war wohl der Moment, wo mir der Floh ins Ohr gesetzt wurde, denn von da an machte ich in der Pfadi eine interne Karriere als «Abseil-Chef». Zu meinem 10. Geburtstag erhielt ich meine erste 5-Meter Reepschnur, da die Wäscheleine all meinen Übungsversuchen nicht mehr Stand gehalten hatte und ebenfalls ersetzt werden musste. So erfolgreich ich in der Abseil-Technik aber wurde, so misserfolgreich war ich in der Mathematik. Meine schlechten schulischen Leistungen waren denn auch der Grund, dass ich 1985 als Schüler an die Ecole kam. Mit mir im Deutschkurs waren die Brüder Silbernagel aus Basel, beide bereits mit ersten Kletter-Erfahrungen. Am ersten freien Nachmittag trafen wir uns am Schlangenfels – natürlich ohne Erlaubnis – und tauschten unser Wissen aus. Zwei Bohrhaken gab es bereits, sodass wir die ersten Routen klettern konnten und zwischendurch machten wir Abseil- Übungen. Durch die Wanderungen kam ich dann mehr und mehr mit «richtigem» Klettern in Kontakt und im Winter entdeckte ich die Skitouren – wobei ich die prägendsten Erinnerungen eher an die Frühlings-Schnee-Such-Touren habe, wo wir in kurzen Hosen am Gummenhubel die letzten Schneeflecken befuhren, nachdem wir, wohlbemerkt, zu Fuss mit den Skiern auf dem Rücken bis dort hinauf marschiert sind. So entwickelte sich der Bergsport – insbesondere das Klettern – während der Ecole-Zeit zu meiner Leidenschaft: Das Turmhaus wurde zum Boulder umfunktioniert, im Bio-Kurs, wo wir einen Quadratmeter Boden über längere Zeit täglich beobachten mussten, wählte ich ein Stück Fels (in dem ich als Alibi ein kleines Pflänzchen auswilderte) und die Morgenputzpause hatte ich bei den Eseln, wo ich die Arbeit im Stall gut delegieren konnte. (Damals wusste ich schliesslich noch nicht, dass ich Jahre später eigene Pferde im Stall haben werde...!) So kam ich bereits vor der zweiten Mor- genstunde zu rund 1,5 Stunden Kletterei; wir trainierten, ohne es wirklich zu merken und konnten im Unterricht oft kaum mehr den Bleistift halten, da die Muskeln so übersäuert waren. Dank Armins insgeheimer Unterstützung und mit dem Rückhalt von meinem Familienhaupt, Sigi Bommer, bekamen wir die offizielle Erlaubnis, mit dem Einverständnis unserer Eltern selbständig klettern zu gehen. Wir begannen eigene Routen zu bohren und da wir kaum Klettermaterial besassen, ging unser gesamtes Taschengeld für Keile, Karabiner, Expresse und so weiter drauf, wo unsere Zimmerkame- raden für Cola oder Schokolade sparten. Nach der Ecole machte ich eine Berufslehre als Schlosser in Baar und arbeitete danach in Basel, stets darauf bedacht, dem Klettern seinen gebührenden Platz zu lassen. Nach rund 7 Jahren kündigte ich meine Stelle, weil es nicht mehr möglich war, im Teilpensum weiter zu arbeiten und ich nicht auf 100 % aufstocken wollte. Es folgte eine Zeit, während der ich in einem Fotolabor arbeitete, anschliessend reiste ich 2 Monate durch die USA und fand danach erneut eine Stelle als Schlosser.

         Zu dieser Zeit begann ich mir zu überlegen, ob ich nicht doch Bergführer werden sollte, obwohl ich bisher stets dachte, dass dies extrem «uncool» sei und alle Bergführer «hochnäsige, arrogante Typen» wären. Mehr und mehr wurde mir aber bewusst, wie sehr die Berge Bestandteil von meinem Leben geworden waren und da ich doch noch ein paar Bergführer kennenlernte, die meine Vorur- teile widerlegen konnten, meldete ich mich am Tag nach Ablauf der Anmeldefrist beim Aspirantenkurs an. Im Jahr 2000 schloss ich die Ausbildung zum Bergführer ab und wurde kurz darauf von der Ecole angefragt, eine Skitouren-Wanderung zu begleiten.

         Seither bin ich hier als sogenannter «externer Mitarbeiter» von der Partie: Im Herbst und Frühling zwei Mal wöchentlich am Fels, im Winter auf den Tourenski und drei Mal im Jahr bin ich für knapp eine Woche zur Intensivwoche und den Wanderungen mit SchülerInnen unterwegs. Das Schöne ist dabei, die Fortschritte der Jugendlichen zu begleiten, beim Kletter-Anfänger das Feuer zu entfachen, das bei mir als junger Ecolianer zu brennen begonnen hat und sie dann an einem 7. Grad klettern zu sehen, bevor sie die Ecole verlassen! Olé!